Ich weiß, dass es in mir verschiedene Timos gibt. Und nein, ich bin nicht schizophren. Ich meine damit: Ich habe unterschiedliche Anteile, die in verschiedenen Situationen das Steuer übernehmen wollen. Da gibt’s den Timo, der mich antreibt. Den harmoniebedürftigen Timo. Den ängstlichen. Den mutigen. Den nachdenklichen. Und noch ein paar mehr.
Ich stelle mir diese Anteile wie Personen in einem Konferenzraum aus Glas vor. Und ich bin der „Über-Timo“, der am Kopf des Tisches sitzt. Ich höre zu, wer gerade laut wird. Ich entscheide, wer sprechen darf. Und ich merke ziemlich deutlich, wenn einer davon versucht, die anderen zu übertönen.
Ein Beispiel, das mir Anfang des Monats passiert ist, zeigt das perfekt.
Eine gute Freundin von mir ist gleichzeitig meine Kollegin. Und ich bin ihre Führungskraft. Sie hat einen kleinen Fehler gemacht. Nichts Dramatisches, aber ich musste es ansprechen und klarstellen, dass das bitte nicht noch einmal vorkommt.
Bevor wir gesprochen haben, bin ich in meinem Kopf jedes denkbare Szenario durchgegangen – und das war eigentlich mein erster Fehler. Je mehr Szenarien ich durchspiele, desto lauter wird der harmoniebedürftige Timo. Der fängt dann an, richtig Theater zu machen: „Mach das nicht. Du verletzt sie. Sie ist deine Freundin. Das gibt Ärger. Das zerstört die Stimmung.“
Als sie dann in mein Büro kam, war genau dieser Timo extrem laut. Ich habe ihn richtig gehört. Gleichzeitig wusste ich: Er meint es gut. Er schützt Beziehungen. Er hilft mir in vielen Momenten. Aber diesmal war das nicht seine Bühne.
Ich musste ihn bewusst leise drehen.
Ich habe mich innerlich bedankt, weil dieser Anteil zu mir gehört. Aber ich habe ihm auch gesagt: „Jetzt gerade geht’s um Führung. Und dafür brauche ich Klarheit.“
Also habe ich das Gespräch klar geführt. Keine weichen Formulierungen. Keine Ausweichbewegungen. Kein Harmonie-Gelaber. Einfach gesagt, was Sache ist und was ich mir in Zukunft erwarte.
Die Message kam an.
Und dann wurde sie emotional. Tränen. Nicht böse gemeint, aber es war der Moment, in dem ich früher komplett eingeknickt wäre. Da wäre sofort der „Oh Gott, sie weint, mach’s irgendwie wieder gut“-Timo an den Tisch gesprungen. Der hätte das Gespräch sofort entgleisen lassen.
Diesmal nicht.
Ich bin ruhig geblieben. Ich habe ihre Emotionen gesehen, aber ich habe nicht die Verantwortung übernommen, die nicht meine war. Ich bin beim Thema geblieben.
Und darauf bin ich bis heute stolz.
Früher hätte ich nach so einem Gespräch stundenlang ein schlechtes Gewissen gehabt. Ich hätte mich gefragt: „Ist sie jetzt sauer? Ist die Freundschaft kaputt? Findet sie mich noch cool?“ – kompletter Overthinking-Film.
Heute sehe ich ein schlechtes Gewissen anders.
Ein schlechtes Gewissen zeigt, dass du gehandelt hast. Du hast etwas getan, das wichtig war. Du warst aktiv. Du hast Verantwortung übernommen. Und genau deshalb fühlst du etwas. Wer nie handelt, fühlt auch nichts.
Ein schlechtes Gewissen ist oft nur der Beweis dafür, dass du deine Werte lebst – auch wenn es dir kurzfristig wehtut.
Unklarheit ist schlimmer. Inaktivität ist schlimmer.
Denn die bringen dich nirgendwo hin.
Und genau das habe ich in diesem Gespräch gelernt:
Es gibt viele Timos in mir. Alle haben ihre Berechtigung. Alle gehören zu mir. Aber nicht jeder bekommt in jeder Situation das Mikrofon. Meine Aufgabe als „Über-Timo“ ist, klar zu entscheiden, wer sprechen darf – und wer kurz still sein muss.
Je besser ich das mache, desto mehr merke ich: Die Führung über mich selbst ist oft die schwierigste. Aber auch die, die am meisten bringt.